Jetzt registrieren
Einloggen

mpeace24s Blog

mpeace24
Hier bloggt:
mpeace24
70 Jahre
71229 Leonberg

„...kurze Augenblicke der Offenheit“ (Teil II)

20 Wir wissen aber, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns Verständnis gegeben hat, damit wir den Wahrhaftigen erkennen. Und wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. (1. Joh 5:20, Schlachter)
...
Aber selbst in der glücklichsten Ehe kann der persönliche Kontakt kein Dauerzustand sein, der einmal erreicht wird und sich dann nie wieder verliert. Auch unsere Wohnungsfenster müssen von Zeit zu Zeit immer wieder gereinigt werden, damit das Licht hindurchdringen kann. Auch zwischen Ehegatten muß von Zeit zu Zeit die wahre Gesprächssituation wiederhergestellt werden, indem man sich irgendein Geheimnis gesteht, und je höher und je aufrichtiger das Ideal der Ehe ist, desto schwerer ist das Eingeständnis, daß man sich gegenseitig etwas verheimlicht hat.

Im geschlechtlichen Bereich finden wir genau dasselbe wieder, was wir schon beim Geheimnis fanden: jene doppelte Bewegung des Sich-Zurückziehens und darauf der Hingabe. Der eigentliche Sinn des Schamgefühls ist eben dieses Zurückhalten eines Geheimnisses, das man eines Tages einem auserwählten Menschen schenkt, woraus eine untrennbare Verbindung und Verpflichtung erwächst. Schon das kleine Mädchen, das vielleicht noch nichts von seiner späteren natürlichen Bestimmung ahnt, beginnt sich zu schämen, wenn es sich vor seinen Eltern ausziehen soll. Als Eltern finden diese eine solche Scham oft lächerlich. Doch begehen sie damit denselben Fehler wie bei der Verletzung eines Geheimnisses. Sie verletzen die Gefühle ihres Kindes.

Das Auftauchen dieser Scham ist gerade das Zeichen für die Geburt der Person. Die Preisgabe des Geheimnisses, die Selbsthingabe und das Fallen der Scham sind dann später das Kennzeichen für die höchste Bestätigung der Person, für die große Bindung des Lebens und die freie Verfügung über sich selbst.

Viele Verheiratete haben als Opfer falscher Einflüsse oder psychologischer Störungen diese Umkehrung zur Selbsthingabe nicht voll erfahren. Ganz an die geistige Gemeinschaft oder die innere Ehrlichkeit hingegeben, kommen sie nicht über eine gewisse Scham in der körperlichen Hingabe hinweg, ohne sich bewußt zu werden, daß das genauso ein Zurückweichen vor dem ehelichen Gespräch bedeutet.

Andere wiederum suchen in dem starken Gefühl der Einheit, das die geschlechtliche Bindung gibt, eine Art Ausweg vor dem inneren Gespräch. Auf dem leichten Weg der körperlichen Liebe umgehen sie die schon erwähnte schwierige Gegenüberstellung und Begegnung der beiden verschiedenen Persönlichkeiten. Das zeigt sich schon von der Verlobungszeit an: Diejenigen, die der Zeit vorauseilen und sich jetzt schon dem anderen hingeben, belügen sich immer ein wenig selber. Sie glauben, ihre Herzensbindung zu besiegeln, während sie in Wahrheit nur ihre Tragweite einengen, denn die volle Verantwortung nimmt man nicht im verborgenen auf sich, sondern durch ein „Ja“ in der Kirche oder durch die Unterschrift beim Standesbeamten.

Noch viel mehr ist natürlich die geschlechtliche Bindung außerhalb der Ehe und jedes Eheversprechen eine Art Abdankung der Person, da sie sich außerhalb jeder Verantwortung vollzieht.
Durch die Höhe des mit ihr verbundenen Einsatzes und das anspruchsvolle Gespräch, das sie fordert, wird so die Ehe zu einer hohen Schule der Person. Die Schwierigkeiten der Unverheirateten liegen nicht nur in den Versuchungen eines unbefriedigten Trieblebens, sondern auch darin, daß jedes echte und erfüllte Gespräch mit dem anderen Geschlecht eben die Gefahr mit sich bringt, heimliche Anklänge an Liebesbeziehungen wachzurufen. Was davor wiederum schützt, ist eine andere Bindung, die mindestens ebenso anspruchsvoll wie die eheliche Bindung ist, die Bindung an Gott, die eine strenge Wachsamkeit fordert. Um diesen Preis ist dann auch wieder jenes für die Entwicklung der Person so fruchtbare Gespräch mit dem anderen Geschlecht möglich.

(Paul Tournier, „Mensch sein ohne Maske“ )


Verfasst: 17.01.2026, 09:02 Uhr
Editiert: 17.01.2026, 09:08 Uhr

Kommentare zu diesem Blogeintrag

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Blogeintrag.