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„Das Gespräch“ - Paul Tournier

„Der Gedanke, dass der „wirkliche Mensch“ oder das göttliche Wirken am Menschen alle Schemata sprengt, ist ein zentrales Thema in der biblischen Theologie und Anthropologie. Es beschreibt, dass Gott den Menschen nicht in starre Schubladen einordnet und der Mensch selbst in seiner Bestimmung als Gottes Ebenbild (Gen 1,27) die Grenzen des rein Biologischen oder Soziologischen überschreitet.“
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„Das wirkliche Leben und der wirkliche Mensch sprengen alle Schemata...“

Die Abgrenzung und Definition klarer Begriffe, der Seele, des Körpers oder ihrer Teile ist nur möglich durch die künstliche Abstraktion des Verstandes. Und da es keinen lebendigen Körper ohne Seele und keine Seele ohne Körper gibt, kommt man seit Jahrhunderten nicht aus dem unlösbaren Problem heraus, wie sie sich zueinander verhalten.

Wenn man andererseits den Menschen ausschließlich so darstellen will, wie er ist, mit dem ganzen Reichtum seines Wesens, dann verliert man sich in der unerschöpflichen Buntheit seiner immer wieder in neuem Licht schimmernden und schillernden Seiten. Ja, es verwischen sich sogar die Grenzen seines Ichs, erläutert am Beispiel eines Bergsteigers, der vor einem schweren Aufstieg in Gedanken jede Bewegung durchgeht, die er machen wird. Das Gelände wird ihm dadurch so vertraut wie sein eigener Leib, es gehört zu ihm, er hat es sich einverleibt.
Dasselbe sahen wir schon, als wir von der seelischen Gestalt des Menschen sprachen: Wie wir uns in alles hineinversetzen, was uns umgibt, es unserem Ich einverleiben und fest mit unserer eigenen Vorstellung von uns selbst verbinden.

Die eine von zwei Betrachtungsweisen [die Abstraktion des Verstandes] engt also den Menschen zu sehr ein und läßt ihn verkümmern. Sie reduziert ihn auf Abstraktionen, auf bestimmte Schemata, und ein Gerippe. Das alles läßt sich zwar ausgezeichnet studieren und untersuchen, aber es hat nichts Lebendiges und Menschliches mehr an sich. Die andere Sehweise [mit dem ganzen Reichtum seines Wesens] dagegen läßt zu viel Spielraum offen und löst alle Begrenzungen auf.

Im ersten Fall verschwindet die Person hinter einem Schema, hinter einem vom Verstand konstruierten konventionellen Bild.
Im zweiten Fall verschwindet der Mensch hinter lauter solchen Bildern, hinter all den unzähligen Gesichtern, die wir nacheinander und sogar gleichzeitig darbieten.

Bei der ersten Sichtweise fehlt eine zusätzliche Dimension, in welcher der Mensch in seiner Menschlichkeit erscheinen kann; bei der zweiten dagegen ein Leitfaden, an Hand dessen wir uns in dem Urwald zurechtfinden könnten. Was nun zugleich diese neue Dimension hinzukommen läßt und auch den gesuchten Leitfaden an die Hand gibt, ist die persönliche Beziehung zum anderen Menschen.

In der Tat werde ich mir meines eigenen Ichs dadurch bewußt, daß ich um ein Nicht-Ich weiß, um eine Außenwelt, von der ich mich zunächst absetze, die ich dann zum Gegenstand mache, die ich von außen beobachte und mit der ich schließlich in Beziehung trete. Die Psychologen haben dargestellt, wie auf diese Weise das Ichbewußtsein beim Kind entsteht. Dabei gibt es also zwei Bewegungsrichtungen:

"Zuerst die Trennung und darauf die Verbindung zwischen dem Ich und den Dingen."

Was mir das Bewußtsein gibt eine Person zu sein, ist die Beziehung zu einer anderen Person, die Beziehung zu einem „Du“.

Wieder bewegen wir uns hier in zwei Richtungen: Wir haben das Bewußtsein, uns von einem anderen zu unterscheiden und zugleich die Möglichkeit, mit ihm in persönliche Verbindung zu treten. Die Rolle, die das Geheimnis dabei spielt, kann uns helfen, dieses Werden der Person zu verstehen. Edmond Gosse erzählt uns ein Kindheitserlebnis, bei dem er sich in dem Augenblick seiner eigenen Individualität bewußt geworden ist, wo er merkte, daß er etwas wußte, was sein Vater nicht wußte: „Der Glauben an die Allwissenheit und die Unfehlbarkeit meines Vaters war damit tot und begraben. Es gab in dieser Welt ein Geheimnis, und ich war im Besitz dieses Geheimnisses...“

Das Geheimnis spielt eine große Rolle beim Kind, und dieses Erlebnis zeigt uns, warum. Indem man etwas weiß, was die anderen nicht wissen, wird man eine Person, die sich von den anderen Personen unterscheidet. So erfinden die Kinder gern eine Geheimsprache, die gewissermaßen eine Trennungsmauer zwischen ihnen und ihren Eltern aufrichtet und in der sie Dinge sagen können, die diese nicht verstehen. Oder sie legen sich Verstecke an, die sie geheimhalten, wodurch sie sich einen Schatz bewahren, zu dem ihre Eltern keinen Zugang haben.

Man muß diese Geheimnisse der Kinder respektieren, denn hier geht es um etwas sehr Wesentliches, und zwar um nichts weniger als die Bildung der Person. Oft machen sich die Eltern keinen Begriff von der Wichtigkeit dieser Dinge. Sie glauben das Recht zu haben, alles von ihren Kindern zu wissen, sogar dann, wenn diese langsam Erwachsene werden oder gar schon Erwachsene sind. Damit sprechen sie ihnen ihre eigene Persönlichkeit ab und halten sie in dem kindlichen Zustand der Abhängigkeit von ihren Eltern. So haben mir mehrere Mütter gestanden, daß sie sich Nachschlüssel zum Schreibtisch ihres Sohnes oder ihrer Tochter zugelegt haben, um zu sehen, was diese darin verbargen, oder um ihre Briefe und ihr Tagebuch nachlesen zu können.
Ich muß dabei auch an eine meiner Patientinnen denken, eine Waise, die einen Onkel hatte, der in ihren Augen den Nimbus des Wissenschaftlers und weisen Mannes genoß und der mit ihr hypnotische Experimente anstellte. „Ich weiß alles, was du denkst“, hatte dieser Onkel ihr einmal gesagt. Man kann sich leicht vorstellen, was für eine Wirkung eine solche Behauptung hatte, die eine wirkliche Lähmung in der Entwicklung zur Person zur Folge haben kann. Einem Kind das Recht auf seine Geheimnisse zu verweigern heißt soviel, wie ihm das Recht absprechen, eine Person zu werden.

(Paul Tournier, „Mensch sein ohne Maske“ 1981, vom falschen Ich zum wahren Selbst)


Verfasst: 08.02.2026, 10:20 Uhr
Editiert: 08.02.2026, 10:23 Uhr

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