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„Die unpersönliche Welt“ - Paul Tournier

Ein ruchloser Mensch, ein heilloser Mann ist, wer umhergeht mit Falschheit im Mund,
13 wer zuzwinkert mit seinen Augen, ein Zeichen gibt mit seinen Füßen, einen Hinweis mit seinen Fingern,
14 wer Verkehrtheit ⟨trägt⟩ in seinem Herzen, Böses schmiedet zu aller Zeit, freien Lauf lässt dem Zank.
15 Darum kommt plötzlich sein Unglück; im Nu wird er zerschmettert ohne Heilung.
(Spr 6:12-15, Elb)

„Die unpersönliche Welt“

„Ich komme zu Ihnen, weil ich das Leben suche!“ Mit diesen Worten tritt ein Mann in mein Zimmer und kommt auf mich zu. Mir fällt auf, daß sein Gesicht eine außergewöhnliche Güte ausstrahlt.
Er ist befreundet mit dem Vertreter seines Landes bei der UNO und kommt soeben von einem glänzenden Empfang, den dieser bei sich gab und auf dem sich die internationale Welt von Genf zusammenfand. Mit ungeheuer eindringlichen Worten schildert er mir diesen Empfang. Hinter all den Verbeugungen und dem Lächeln, hinter den freundlichen Worten und geistreichen Bemerkungen, hinter den banalsten Äußerungen und selbst noch im Schweigen und in der Zurückhaltung spielte jeder sein abgezirkeltes Spiel. Jeder hatte seine Hintergedanken und geheimen Absichten, jeder versuchte hinter die Maske des anderen zu schauen und ihm dabei zugleich sein eigenes Spiel zu verbergen.

Dabei wurden nicht nur politische, sondern ebenso auch private Ziele verfolgt, und jeder brachte geschickt all die persönlichen Bemerkungen an und ging mit der raffinierten Taktik vor, deren wir uns alle ständig bedienen, um unser Ansehen bei den anderen zu festigen und ihnen den gewünschten Eindruck von uns zu geben. Und all diese vielfältigen Unternehmungen, die jeder für sich führte oder miteinander kombinierte, um besser zu seinem Ziel zu kommen, kreuzten, überschritten und überlagerten sich gegenseitig.

Kleidung, Händedruck, Gesprächsthema, Schmuck und Brillanten – alles war dabei genau berechnet. Unbewegt und undurchdringlich die Diener, leutselig und beflissen die Gastgeber, spielte jeder die Rolle, die ihm zukam.

„Was für eine Komödie!“ meint mein Besucher. Aber er ist nur deswegen so hellsichtig für diese Dinge, weil es ihm bewußt ist, daß er selber täglich vor sich und den anderen dieselbe Komödie spielt, und er leidet daran wie ein Besessener. „Ich suche das Leben“, sagt er, „mein eigenes Dasein ist nichts als ein ständiges Alibi.“ Seit Jahren trägt er seine seelischen Qualen mit sich herum. Das alles ist ja nichts als Fassade, als Zerrbild, als Schein! Eine Erinnerung folgt der anderen. Und dauernd hat er das furchtbare Gefühl, es nicht mit Menschen, sondern mit mehr oder weniger künstlichen Figuren zu tun zu haben und, was noch schlimmer ist, selber in dieses Theaterspielen zu verfallen und es nicht fertigzubringen, natürlich, einfach und wahr zu sein.
Das ist mir nur ganz selten gelungen, etwa in der Liebe“ , fährt er fort. „Und selbst dann war der Zauber bald gebrochen, denn es wurde mir klar, daß ich nur zum Schein die Liebe, in Wahrheit aber das Leben suchte. Die Liebe war dabei nicht echt, sondern künstlich. Um sie zu bewahren, mußt ich meine Worte und mein Verhalten berechnen. Ich mußte das Spiel so spielen, wie es die Frau von mir erwartete. Ich mußte auf ihre Launen eingehen, um ihr zu gefallen. Oder ich mußte es zumindest dahinbringen, daß sie fürchtete, mich zu verlieren und deswegen auf meine eigenen Launen einging. So entgleitet einem das Leben, kaum daß man glaubt, es endlich in der Hand zu haben.“

(Paul Tournier, „Mensch sein ohne Maske“, 1981 - Vom falschen Ich zum wahren Selbst)

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Hast du nicht von jeher das erkannt, seitdem ⟨Gott⟩ Menschen auf die Erde gesetzt hat,
5 dass der Jubel der Gottlosen von kurzer Dauer und die Freude des Ruchlosen für einen Augenblick war?
(Hiob 20:4-5 Elb)


Verfasst: 01.02.2026, 08:51 Uhr

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