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„Die Verheißungen der Liebe Gottes“

Wer einmal durch die evangelischen Verheißungen in das Herz der Liebe Gottes hineingesehen hat, der betet ohne Unterlaß aus freiem Trieb.

Wie unser Heiland lauter Gebet war (Ps. 109:4)

4 Dafür, dass ich sie liebe, feinden sie mich an; ich aber bete. (Ps 109:3-4, Luther),

und doch mit den Jüngern die Formel des Lobgesangs gesprochen hat, ebenso können auch wir uns der Gebetsformeln Davids wie der Heiland bedienen.
Es ist aber besser, Davids und Christi Formel ein für allemal innezuhaben und auf die alle Hauptsachen, die Gott zu tun oder zu leiden schickt, solche Gebete mit seinen eigenen Ausdrücken hervorzubringen und auch zuweilen aufzuschreiben.
Es gibt keine höhere Mystik, als durch alles, was einem alle Tage zu tun und zu leiden vorfällt, näher im Gebet zu Gott gebracht zu werden.

Entweder sucht eine Kreatur ihren Ursprung oder sie sucht ihn nicht. Gott zieht alle Menschen durch das Gefühl seines Ursprungs.

„Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen“

Daher kommt, daß von Anfang an nur zwei Gattungen der Menschen sind nach 1. Mose 4:3:

„Kain brachte dem Herrn Opfer von den Früchten des Feldes, und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig von Abel und sein Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.“

Was sollen wir weiter sagen? „Die den Herrn suchen, denen wird das Herz leben.“
Ich frage nur: Lebt euer Herz in Gott und in Jesus Christus und im Wort Gottes; habt ihr eure größte Freude daran, merkt ihr, daß ihr zu zweit seid in eurem Innersten, daß der Geist Gottes Zeugnis gibt eurem Geist?

Der Zöllner ging gerechtfertigt hinab in sein Haus. Er wußte es nicht sogleich; aber als die Frucht der Rechtfertigung, der Heilige Geist, in ihm war, da erst wußte der seine Rechtfertigung in dem Heiligen Geist als dem Siegel seiner himmlischen Gnade. Davon wissen die pharisäischen Seelen freilich nichts; die Heuchler rufen nicht zu Gott, wenn sie nicht der Zorn trifft (Hiob 36:13).

13 Die aber ein gottloses Herz haben, häufen Zorn auf; sie rufen nicht um Hilfe, wenn er sie gefesselt hat.
14 Ihre Seele stirbt in der Jugend, und ihr Leben unter den Hurern.
(Hiob 36:13-14, Schlachter)

Sie beten zwar aus dem Gebetbuch; aber ihr Herz finden sie nicht. Wenn sie auch beten, so ist doch ihr Herz verfälscht durch Eigenliebe, Torheit und Vermessenheit wie das des Pharisäers, so daß er sich nicht schämt, Gott seine „Kain'schen“ Früchte herzutragen. Was sind das für Opfer?

Jeremia beschreibt sie treffend in Kapitel 3:3:

„Du hast eine Hurenstirn; du willst dich nicht mehr schämen und schreist gleichwohl zu mir: Lieber Vater, du Meister meiner Jugend, willst du denn ewiglich zürnen und nicht vom Grimm lassen?“

Solche bösen Pharisäer bitten nur, daß sie in ihren Sünden fortfahren können und die Gnade und das Verdienst Christi endlich alles bedecken soll. Die redlichen Seelen dagegen machen wenig Worte und schreien innerlich nach der Art der Gebete und Psalmen Davids um Gnade, daß sie bald zum Bild Gottes gelangen und den Endzweck des Leidens Christi erfüllen.

(Friedrich Christoph Oetinger 1702-1782, „ Die Weisheit auf der Gasse“, Zeugnisse der Schwabenväter)


Verfasst: 21.06.2026, 09:24 Uhr
Editiert: 21.06.2026, 09:27 Uhr

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